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Das Ziel von DRITTE DEGENERATION OST (DDO) ist die Dekonstruktion der klassischen Opernstrukturen zugunsten einer Weiterentwicklung und Öffnung des Genres als künstlerischer Verständigungsversuch in Ost- und Westdeutschland.

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Das Kollektiv


DRITTE DEGENERATION OST ist eine Fusion von Mitgliedern
der zwei langjährig arbeitenden Musiktheaterkollektive
SAILOR TUNE und KHWOSHCH.

 

 

SAILOR TUNE, initiiert durch Antonia  Beeskow, entwickelt szenisch-musikalische Installationen, die sich mit der Differenz zwischen Technologie und Natur,  Analogem und Digitalem, Aufgezeichnetem und  Unvermitteltem auseinandersetzt und so eine sich in zunehmender Verdichtung befindliche Materialstudie und Klang-Expertise entwickelt hat.

KHWOSHCH ist ein deutsch-russisch-tschechisches Musik - und Objekttheaterkollektiv, das mit methodischer Niedrigschwelligkeit Theaterstücke für Groß und Klein produziert und formale Reibung positiv belegt. Mit der in ganz Europa erfolgreich tourenden Produktion DINOPERA hinterfragt das Kollektiv die Oper strukturell und musikalisch in ihrer Dinosaurierhaftigkeit - als Ausgestorbenes, das uns doch noch etwas zu sagen hat.

 

Beide Kollektive hinterfragen die Aktualität des Musiktheaterformats und beantworten sie zugleich mit dem Erforschen neuer musikalischer Formen, ästhetischer Setzungen und moderner Sehgewohnheiten. Hierbei wird Gesang zur immersiven Fläche für Performatives und Medien und Objekte zu den Akteur*innen einer postdramatischen Bühnenrealität.

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DRITTE DEGENERATION OST soll das Experiment wagen, diese modernen Erzähltechniken auf ein konventionelles Musiktheaterverständnis anzuwenden - die Mittel der Oper zunächst radikal ausdeuten, um sie in eine performative Dynamik zu bringen, zu verformen, fabulieren, kommentieren und dekonstruieren.

Die Ost-West-Thematik spielt hierbei eine zentrale Rolle, da sie Privat-Biografisches wie Dokumentarisches, Aktuell-Politisches wie Historisches miteinander verbindet. Das Kollektiv selbst besteht aus jungen Menschen, die unmittelbar vor oder nach der Wende, in Ost und West geboren und aufgewachsen sind und sich in Anbetracht des aktuellen, innerdeutschen politischen Diskurses divers und selbstkritisch mit der eigenen Vergangenheit und ihren Atavismen auseinandersetzen.

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DRITTE DEGENERATION OST ist der Versuch, Demokratie mit dem Mittel der Musik erfahrbar zu machen. Wir verstehen den musikalischen Apparat der Oper als Denkbild, in welchem Freiheit verhandelt und starres Regelwerk in Frage gestellt wird. Für uns ist Musik dabei der Eintritt in den sozialen Raum. Sie dient gleichermaßen der Individuation wie der Abgrenzung. Musik und Klänge affizieren, was die Voraussetzung für das Verständnis für unbekannte Bedürfnisse ist. Auf der Bühne untersuchen wir Musik als gedanklichen Träger der inneren Revolte, aber auch als Intelligenz des Mainstreams und die ideologische Verzahnung beider Aspekte. In Zeiten des politischen Umbruchs betrachten wir Musik und deren erweiterte Begriffe von Klang und Geräusch als unverzichtbare Kulturpraxis zu Diensten der Verständigung auf einem immer unklarer werdenden Gesinnungsspektrum.

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Als Kulturschaffende erleben wir den demographischen Wandel anhand von Publikumsstrukturen und müssen uns fragen, wem wir was erzählen und wie. Wir begreifen, dass wir Räume öffnen müssen, um unsere Themen mit all jenen verhandeln zu können, die diese betreffen. Deshalb ist die performative Konzeption des Opernbegriffs die erste Ebene, die wir nutzbar machen wollen. Wir orientieren uns an den theatergeschichtlichen Bedeutungen dieses Theaterraums und entfachen das mit dem Publikum gelebte Experiment, ein System (inhaltlich besetzt als ‘Staat’ und formal repräsentiert durch ‘Oper’) von sich selbst zu befreien, indem abstrakte Zerstörungsphantasien ihr sinnliches Äquivalent auf der Bühne erhalten. Ein Experiment, das immer wieder zum Scheitern verurteilt ist, jedoch als musikalisches Leuchtfeuer der ästhetischen wie auch politischen Gegenwehr erhoben wird und Antworten auf ebendie schmerzlichen Fragen sucht, die sich in der gegenwärtigen Trennung von Ost und West abzeichnen. Unser Staat bemächtigt uns zwar zur freien und öffentlichen Protestkultur, ist dabei jedoch selbst durch und durch bürokratisiert und verwaltet - wie unsere hoch-individualisierten Leben selbst. Wie viel (Staats-)Gewalt steckt im freien Denken? Politische Gruppierungen schöpfen als vermeintliche Lichtbringer im gesellschaftlichen Zwielicht eine willkürliche Treibkraft aus jener Unstimmigkeit. Am Ende bleibt der Ausweg in die Fantasie, in eine vermeintlich bessere Welt, in eine Falle.

Bewusst platzieren wir unser DDR-Sujet zunächst auf westdeutschen Spielplänen und behandeln damit die Konstruktion des “Ostens” von außen und den symbolischen Lehrgegenstand der DDR als unabgeschlossene deutsche Geschichte der (Un-)Freiheit, (Un-)Gerechtigkeit und (Un-)Solidarität. Explizit soll keine Chronik über die konkreten politischen Zerwürfnisse der Wendezeit erzählt werden. Uns geht es nicht um eine authentische Vermittlung, sondern um ein Greifbarmachen zeitgenössischer gesellschaftlicher Problemstellungen, indem wir die Wurzeln unserer widersprüchlichen Verhältnisse in der jüngeren deutschen Geschichte ausgraben. Die Wendegeschichte ist gerade erst dabei, eine objektivierbare Historizität zu erlangen und hat so starken Einfluss auf unsere Gesellschaft genommen, dass wir sie reflektieren müssen, damit sich ihre Errungenschaften nicht unbemerkt ins Gegenteil verkehren. Die westliche Projektion eines ambivalenten Freiheitsbegriffs nach Mauerfall soll als Nährboden für die paradoxe ostdeutsche Genese abgetastet werden. Wir wollen Geschichten des Ringens um Freiheit erzählen. Freiheit, die sich die Bevölkerung in der DDR hart erkämpft hat. Freiheit, die aber, wie es Freiheit immer tut, Opfer fordert. Opfer der Gewalt, Opfer des Überflusses und am Ende Opfer der Freiheit selbst. Freiheit, die uns in der Behauptung der Grenzenlosigkeit des freien Markts abhanden kommt, verschwimmt, irrelevant scheint, zu viel wird und nach neuen, vielfältigen Grenzen schreit. Aus welchen Mauern gilt es, sich noch heute heraus zu kämpfen? Die frühen 90er-Jahre sind für viele ehemalige DDR-Bürger*innen ein Moment der Hoffnung gewesen - eine Hoffnung gerichtet an eine Gesellschaft, die wir heute nicht sind. Was übrig bleibt, sind ihre Zeugnisse.
Was uns übrig bleibt, ist was wir mit ihnen machen: DRITTE DEGENERATION OST.

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